KONSUMENT.AT - Schwarzarbeit: "Pfusch erhöht unseren Wohlstand" - Leserreaktionen

Schwarzarbeit: "Pfusch erhöht unseren Wohlstand"

Interview mit Prof. Schneider

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KONSUMENT 3/2020 veröffentlicht: 21.02.2020, aktualisiert: 30.03.2020

Inhalt

Leserreaktionen

Unkultur mit Handlungsbedarf

Das Interview mit Herrn Prof. Friedrich Schneider widerspricht meinen Erfahrungen und Wertvorstellungen, die ich hier kurz erläutern will. Dass Schwarzarbeit Teil unseres Lebens ist, sehe ich als Unkultur mit Handlungsbedarf. Auch andere „Kavaliersdelikte“ waren früher Teil unseres Lebens und sind heute undenkbar. Es bedarf eben einer Kulturänderung, auch durch Vorbildwirkung und Bestrafung.

Steuereinnahmen, Gemeinwesen, Kranken- und Pensionsversicherung, Qualitätsstandards und Haftungsregeln für Leistungen betrachte ich als Kulturleistungen, die gepflegt und weiterentwickelt werden müssen, um nicht verloren zu gehen. Fehlentwicklungen wie zu hohe Steuern auf Arbeitsleistung im Vergleich zu Kapital gehören korrigiert, aber formal für alle, nicht bloß informell für die Geschickten, die sich Schwarzarbeit „leisten“ können. Pfusch ist nicht die Steuerrebellion des kleinen Mannes. Gut Verdienende geben bestimmt mehr Geld für Schwarzarbeit aus als der gern politisch „missbrauchte“ kleine Mann. Die in Oberösterreich errichteten Einfamilienhäuser wären ohne Schwarzarbeit vielleicht kleiner, aber trotzdem da.

Dass Haushaltshilfen bezahlt, besteuert und vor allem versichert werden, wäre eine Kulturleistung, auch im Sinne von Frauenförderung. Die bisherigen „Anreize“, diese Leistungen in die offizielle Wirtschaft zu transferieren, sind dazu offenbar ungeeignet. Angemessener Lohn statt Trinkgeld wäre eine Kulturleistung. Das kann man in Ländern beobachten, wo Trinkgeld für die gleiche Leistung üblich oder unüblich ist. Gerade beim Bauen ist Pfusch tatsächlich oft eine schlechte Dienstleistung, da Qualitätsstandards nicht eingehalten werden und Gewährleistung Glücksache ist.

Monika Fiby
Wien
(aus KONSUMENT 4/2020)

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Kommentare

  • Das Problem ist die Bürokratie
    von kurmy31 am 01.05.2020 um 09:12
    Wir hatten vor einer Weile ein Au Pair (EU-Bürger, geringfügig beschäftigte Hausangestellte), d.h. nur Unfallversicherung und Pensionskasse abzuführen.
    Der administrative Aufwand war unglaublich hoch. Das Abrechnungssystem ELDA ist für Personen ohne Ausbildung zum Lohnverrechner kaum zu verwenden. Selbst in diesem einfachen Fall (und mit viel Recherche) habe ich praktisch jeden Monat Fehler bei der Abrechnung gemacht. Man hat Listen mit 50+ Einträgen vor sich, die Hälfte davon Abkürzungen, die nirgens erklärt werden. Die Mitarbeiter sind am Telefon meist freundlich, können sich aber nur zu ihrem Spezialgebiet äußern. Eine Benachrichtigung über fehlerhafte Eingaben läuft über ein separates System, für das man als Nicht-Unternehmer kaum Zugangsdaten bekommt.

    Insgesamt habe ich für 4 Monate geringfügige Beschäftigung (mit einem mittlere zweistelligen Euro-Betrag an Abgaben) sicher 16 Stunden mit Anträgen, Abrechnungen und Kommunikation mit der GKK verbracht.

    Ich bin gerne bereit, alle vorgeschriebenen Steuern und Abgaben zu zahlen. Aber bitte nicht so.
  • Der Herr
    von Grouper am 29.02.2020 um 16:00
    hat einen sehr situationselastischen Zugang zum Thema Pfusch. Überspitzt formuliert: Alles, was ihm nutzt, ist moralisch einwandfrei.

    Er sollte mal bei der Finanzpolizei und bei der Sozialversicherung nachfragen, was die so über die Hinterziehung von Sozialversicherungsbeitägen denken. Und die Frauen, die später jammern, dass sie so wenig Rente erhalten und dann eine - von anderen finazierte - Ausgleichszulage erhalten.

    Bravo, Herr Professor.
  • Pfusch
    von freundorfer1 am 22.02.2020 um 09:27
    Gute Darstellung dieses Phänomens. Der Titel des Beitrags "Pfusch erhöht unseren Wohlstand" bringt es auf den Punkt.