KONSUMENT.AT - Angst vor Spinnen - Alarmprogramm unserer evolutionär älteren Gehirnregionen

Angst vor Spinnen

Häufige Phobie

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KONSUMENT 9/2019 veröffentlicht: 29.08.2019

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Echte Bedrohungen

Der Mensch verhält sich mitunter recht ­eigenartig. Während er die Spinne gleichsam zum Elefanten macht, nimmt er so manche wahre Bedrohung geradewegs gleichmütig hin, beispielsweise den Autoverkehr.

Auf den Straßen der Welt lassen jährlich über eine Million Menschen ihr Leben. ­Damit fordert das Auto einen größeren Blutzoll als alle Kriege und Bürgerkriege zusammen. Und es soll noch schlimmer kommen. Die Weltgesundheitsorganisa­tion WHO prophezeit, dass in 15 Jahren jährlich mindestens 1,8 Millionen Menschen im Straßenverkehr sterben werden. Ein Schreckensszenario.

Verkehrte Welt

Und schrecken wir uns? Kaum. Im letzten Jahr kamen laut Angaben der Statistik Austria auf unseren Straßen 409 Menschen ums Leben und 46.525 wurden verletzt. Gewiss, es gab schon schlimmere Zeiten. 1972 war das Jahr mit der höchsten Zahl an Unfalltoten (2.948). Doch die Zahlen sind immer noch viel zu hoch. Immerhin ereignen sich Tag für Tag mehr als 100 schwere Unfälle bei uns. Nahezu jeder oder jede weiß von einem Menschen, der bei einem Verkehrsunfall schwer verunglückt oder ums Leben gekommen ist.

Und da ist noch nicht einmal der Schaden mit einberechnet, den das Auto durch Lärm und Luftverpestung verursacht. Und trotzdem: Unbekümmert steigen wir jeden Tag aufs Neue ins Auto. Bei den tonnenschweren Fahrzeugen auf ihren vier Rädern denken wir nicht an Gefahr, wohl aber bei den Achtfüßern mit ihren langen, zartgliedrigen Beinchen.

Erklärungsversuche

Verkehrte Welt. Warum nehmen wir vor Spinnen Reißaus? Liegt der Grund vielleicht in deren filigranem Bau? Eine Angst, argumentieren einige Psychologen, tritt umso stärker und häufiger auf, je weiter ein Tier oder Gegenstand vom menschlichen Erscheinungsbild abweicht. Aber dann müssten wir uns genauso vor Seepferdchen fürchten, und das tun wir nicht.

Ein anderer Erklärungsversuch geht dahin, dass es die unvorhersehbare Fortbewegungsweise der Spinnen ist, die uns Angst macht. Meist verharren diese Tierchen ­allerdings regungslos in ihrem Netz.

Wieder andere sagen, dass diese Phobie gleichsam in unseren Genen verankert sei, ein Erbe aus jenen fernen Zeiten, als der Mensch noch Tag für Tag mit gefährlichen Spinnen konfrontiert gewesen sei. Aber, wenden Wissenschaftler ein, diese Tiere seien in unseren Breiten schon immer harmlos gewesen.

Alarmprogramm unseres Gehirns

Eine schlüssige Erklärung für diese ver­breitete Furcht fehlt also. Was wir dagegen wissen, ist, warum die rationale Einsicht in die Ungefährlichkeit der Spinnen uns nicht die Furcht vor diesen Tieren nimmt. Der Grund liegt darin, dass der Betroffene, oder vielmehr sein Bewusstsein und Wille, keinen Zugriff auf die tieferen Gehirnareale hat, aus denen die Angst gespeist wird.

In Momenten höchster Not reagieren wir blitzschnell, ohne lange zu überlegen, und das ist gut so, denn unser Leben kann mitunter von Zehntelsekunden abhängen. In diesem Fall läuft, weitgehend automatisch und losgelöst von unserem Denkapparat, eine Art Alarmprogramm in unseren evolutionär älteren Gehirnregionen ab. Ein Programm, das uns umgehend auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Eine segensreiche Einrichtung, die dem Menschen schon oft das Überleben gesichert hat. Doch manchmal entpuppt sich dieser Automatismus auch als Fluch. Dann nämlich, wenn er auch anspringt, wenn dazu überhaupt kein Anlass besteht. Wie eben bei der Konfrontation mit Spinnen.

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