VOR neu: Reform mit Tariferhöhungen

Verkehrsverbund Ost-Region

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KONSUMENT 9/2016 veröffentlicht: 18.07.2016, aktualisiert: 04.10.2016

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Preiserhöhungen um 20, um 50, ja sogar 75 Prozent - die Tarifreform des Verkehrsverbund Ost-Region VOR, die mit 6. Juli 2016 in Kraft getreten ist, ist zu einem Marketing-Desaster geraten. Und zu einem Beispiel, wie die Leistung einer umfassenden Tarifreform durch unkorrigierte preisliche "Ausreißer" völlig in den Schatten gestellt werden kann.

Die Jahreskarte Auersthal nach Wien Floridsdorf um 75 Prozent teurer, die Wochenkarte St.Pölten nach Kirchstetten um 57 Prozent teurer, die Jahreskarte Mödling nach Wien Meidling (ohne Kernzone Wien) um 30 Prozent teurer, die Jahreskarte Wilfleinsdorf (Bruck/Leitha) nach Wien-Hauptbahnhof (ohne Kernzone Wien) um 25 Prozent teurer, die Jahreskarte Eggenburg nach Absdorf-Hippersdorf um 19 Prozent teurer, Purkersdorf Zentrum nach St. Pölten 15 Prozent teurer, die Einzelfahrkarte Leobendorf nach Wien 20./21. kostet jetzt 5,50 statt bisher 2,20 Euro ...

Geballter Unmut

Beim Lesen der Flut an Beschwerde-E-Mails und des geballten Unmuts, der mit der Tarifreform des VOR Verkehrsverbund Ost-Region ab 6. Juli 2016 auch das E-Mail-Fach der KONSUMENT-Redaktion füllte, könnte man glauben, im VOR feiert eine moderne Form des Raubrittertums fröhliche Urständ'.

Wo es billiger wurde

Dass auf den meisten Strecken die Preise im Wesentlichen gleich blieben und auf einigen sanken, ging im nachvollziehbaren Aufschrei der Opfer der Verteuerung praktisch unter. So zahlen beispielsweise Pendler aus dem Waldviertel, etwa von Horn nach Wien etwas weniger, von Perchtoldsdorf, Purkersdorf und Klosterneuburg nach Wien (inklusive Kernzone Wien) wurde es um 23 Prozent billiger, von Neulengbach nach St.Pölten (inklusive Stadtverkehr St.Pölten) um 17 Prozent, von Wulkaprodersdorf nach Eisenstadt um 12 Prozent, von Baden nach Wien um 9 Prozent.

Super-Verkehrsverbund Ost

Was war geschehen? Mit 6. Juli 2016 wurden die beiden Verkehrsverbünde im Osten Österreichs (Burgenland, Niederösterreich, Wien) - Verkehrsverbund Ost-Region VOR und Verkehrsverbund Niederösterreich-Burgenland VVNB – zu einem Super-Verkehrsverbund zusammengelegt, der mehr als ein Viertel der Fläche Österreichs sowie etwa 900 Linien und 11.500 Haltestellen umfasst. Gleichzeitig trat ein neues Tarifsystem in Kraft, das den bisherigen VOR-Zonentarif und VVNB-Wabentarif ersetzt.

Das alte, vor über 30 Jahren eingeführte System war geprägt von unterschiedlich großen VOR-Zonen und Ausnahmeregelungen, wie Überlappungsbereiche, Stichlinien, neutralen Zonen, die preisliche Härten ausglichen und auch von unterschiedlichen Preisen, je nachdem, ob Bahn oder Bus benutzt wurden. Das ergab mitunter sehr unterschiedliche Preise für gleich lange Strecken.

Neues Tarifsystem produziert Härtefälle

Das wurde jetzt abgeschafft. Jetzt gilt ein Streckentarif, in dem im Wesentlichen die gefahrene Strecke von A nach B den Preis bestimmt. Das neue System mag für sich betrachtet jetzt - auch preislich - schlüssiger sein.
Von einem umfassenden, einfachen und auch fairen Tarifsystem, wie der VOR schreibt, könnte man sprechen, wenn es keine über 30-jährige Vor-(VOR)-Geschichte gäbe. Und damit zahlreiche langjährige Stammkunden, die plötzlich extrem mehr zahlen müssen.

Keine Einschleifregelungen

War man bei Einführung des "VOR alt" bemüht Härtefälle durch verschiedene Begleitregeln zu mildern und hat damit Ungleichheiten in Kauf genommen, so schert der neue Tarif jetzt alle über den gleichen Tarif-Kamm, ohne Rücksicht auf bisher bezahlte Preise und schafft so Härtefälle extremer Verteuerung um 20, 50, 70 Prozent ohne sie durch langfristige Einschleifregelungen adäquat abzupuffern.

Da hilft auch kein Argumentieren mit dem Wegfallen von "Ausnahmeregelungen" – niemand empfindet etwas, was über dreißig Jahre Teil des Regeltarifs war, als Ausnahme.

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Kommentare

  • VOR-neu: 20%-ige Steigerung der Jahreskartenanträge ??
    von Tarifdschungler am 13.01.2017 um 20:50
    13.12.2016 Jubelmeldung aus der VOR-Pressestelle: „VOR-neu: Steigerung der Jahreskartenanträge von über 20% seit Juli 2016 im Vergleich zum Vorjahr.“ +++ Eine ENTLARVENDE Jubelmeldung: 20% mehr Anträge (!) als im Jahr davor: Das sind jene Pendler, die vorzeitig vom alten auf den neuen Tarif umgestiegen sind, weil der neue Tarif für sie günstiger ist. Im UMKEHRSCHLUSS bedeutet das, dass die Jahreskarte für 80% preislich gleich geblieben ist oder teurer wurde. Leider lässt sich aus dieser Meldung nicht schließen, für wieviel Prozent es teurer wurde – vielleicht bei einer der nächsten Jubelmeldungen …
  • ad viewture 12.09.2016 09:37
    von Tarifdschungler am 21.12.2016 um 11:56
    VORAUSSETZUNGEN für den Kostenzuschuss (laut Antragsformular): "Ihre VOR- bzw. VVNB-Jahreskarte war zum Umstellungszeitpunkt (6. Juli 2016) gültig."
  • ad norbertnullo 15.08.2016 (Loosdorf – Wien)
    von Tarifdschungler am 21.12.2016 um 11:08
    Wenn Sie die Fahrkarte im Bus oder am ÖBB-Fahrkartenautomaten kaufen, haben Sie nullo Probleme. Die EINZELFAHRKARTE Loosdorf (bei Melk)–Wien um 10€ (mit Vorteilscard Senior) umfasst gegenüber früher auch die gesamte Kernzone Wien, d.h. Sie können, wenn Sie in Wien aus dem Zug aussteigen, mit derselben Fahrkarte in Wien mit Bus, Straßenbahn, U-/S-Bahn bis an Ihr Ziel in Wien weiterfahren. +++ Mit der TAGESKARTE Loosdorf–Wien um 22€ (mit VC Senior) ist man uhrzeitmäßig flexibel. Sie gilt für beliebige Fahrten auf der Strecke sowie als Tagesnetzkarte für Wien Kernzone.
  • ad norbertnullo 15.08.2016 (ÖBB-Ticketshop)
    von Tarifdschungler am 21.12.2016 um 11:00
    Das Verwirrspiel mit 1.Kl.-Ticket hat mit dem VOR-neu nichts zu tun, sondern rührt einzig vom ÖBB-Ticketshop/App her. Verwunderlich, dass das als Reaktion auf den VOR-neu im "konsument" abgedruckt wurde. Wer VOR-Tickets unbedingt online erwerben will: https://shop.vor.at/ ist übersichtlicher. +++ VOR-TICKETS sind generell NIE ZUGGEBUNDEN, EINZELFAHRKARTEN jedoch TAG- UND UHRZEITGEBUNDEN. Daher muss man nicht nur den Tag, sondern auch die (ungefähre) Uhrzeit beim Kauf im Internet angeben –und auch am ÖBB-Automaten, wenn man die Fahrkarte erst später benützt.
  • VOR Kilometer statt Zonen
    von viewture am 12.09.2016 um 09:37
    Ich hatte bisher eine Jahreskarte von St.Johann/Eng. nach Linz-Pichling. Preis VVNB 700.- und jetzt VOR 1.100.-. Komischerweise kostet die neue VOR Jahreskarte nach Linz Hbf. auch 1.100.-. Die Entfernung von Linz-Pichling nach Linz Hbf. sind aber ca. 12 Kilometer mehr. Genau, Kilometer statt Zonen! Die "Abfederung" der Preiserhöhung gilt leider auch nicht für die die bisher mit dem VVNB gefahren sind bzw. wegen Mangel an Alternativen fahren mussten. Das betrifft alle Pendler vom westlichen Nö nach Oö(Linz). VOR: "Voraussetzung ist, dass zum Zeitpunkt der Tarifumstellung ein aufrechtes Vertragsverhältnis besteht bzw. bestand.". Wie denn?!? www.vor.at/tickets/vor-tarifsystem/vor-jahreskarte Das ist wieder eine Bevorzugung von Wien wie damals mit dem Unterschied Zone 100 und alle anderen Kernzonen. Hans Wimmer
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