KONSUMENT.AT - Neuromodulation gegen Tinnitus - Keine aussagekräftigen Studien

Neuromodulation gegen Tinnitus

Wirksame Therapie?

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KONSUMENT 8/2021 veröffentlicht: 22.07.2021

Inhalt

Kann die akustische CR-Neuromodulation nach Tass bei Tinnitus helfen?

Beweislage: unzureichend. Es gibt keine veröffentlichten Studien, die belegen können, dass diese Therapie bei Tinnitus wirksam ist. Zwei Studien sind klein und haben gravierende Mängel, eine größere Studie brachte keine eindeutigen Ergebnisse und wurde nie veröffentlicht.

KONSUMENT Faktencheck-Medizin: Beweislage unzureichend

 

Genaue Ursache unklar

Anhaltendes Pfeifen oder Rauschen in den Ohren – 10 bis 20 von 100 Menschen leben längere Zeit mit derartigen Geräuschen. Sie leiden unter Tinnitus. Für etwa ein Zehntel von ihnen bedeutet sie eine teilweise massive Beeinträchtigung ihres Alltags. Die genaue Ursache ist unklar. Nur in wenigen Fällen lässt sich ein medizinischer Grund finden, etwa eine körperliche Veränderung. Bekannte Risikofaktoren, die zu Tinnitus führen können, sind akustische Traumata, etwa durch eine Explosion, häufiges lautes Musikhören oder dauerhafte Lärmbelastung. Oftmals tritt Tinnitus auch bei Schwerhörigkeit oder Gehörverlust auf.

Akustisches Therapieverfahren

Ein Therapieverfahren mit dem Namen „acoustic coordinated reset (CR)-Neuromodulation“ soll Linderung verschaffen. Dabei werden die Betroffenen über Kopfhörer vier bis sechs Stunden täglich mit „Therapietönen“ beschallt. Diese sind in Tonhöhe und Lautstärke dem jeweiligen Tinnitus-Ton angepasst. Damit soll die Hirnregion, die den Tinnitus verursacht, so manipuliert werden, dass die Störgeräusche verschwinden.

Manche Arztpraxen und Tinnitus-Zentren bieten die Behandlung an, im Internet sind aber auch entsprechende Apps fürs Mobiltelefon erhältlich. Geeignet ist die Methode laut Anbietern nur für Patientinnen und Patienten mit tonalem Tinnitus – also Menschen, die ein ständiges Klingeln oder Pfeifen hören; Betroffenen, deren Tinnitus sich etwa durch Rauschen äußert, kann damit nicht geholfen werden.

Unsere Kooperationspartner von medizintransparent.at haben nach wissenschaftlichen Belegen für die behauptete Wirksamkeit der Therapie gesucht. Sie fanden zwei Studien. An beiden war Peter Tass beteiligt. Er ist der Erfinder der Methode. An beiden Studien nahmen insgesamt 81 Personen teil, die bereits seit Jahren an Tinnitus litten. Sie wurden zwei Studiengruppen zugelost. Gruppe 1 wurde mit Neuromodulation behandelt, Gruppe 2 erhielt eine Scheinbehandlung. Die Teilnehmenden in Gruppe 1 nahmen den Tinnitus danach kurzfristig als etwas leiser und weniger belastend wahr als jene in der Kontrollgruppe.

Keine aussagekräftigen Studien

Doch aus den Studien lassen sich keine aussagekräftigen Schlüsse ziehen. Zum einen hatten zu wenige Menschen daran teilgenommen, zum anderen weisen die Studien gravierende Mängel auf. Ob die Therapie langfristig helfen kann, wurde in keiner der beiden Studien untersucht. Dasselbe Forschungsteam führte eine weitere, größere Studie mit etwa 100 Teilnehmenden durch. Die Neuromodulation erwies sich dabei als nicht wirksamer als eine Scheinbehandlung. Diese Studie wurde nie veröffentlicht. Ob die akustische CR-Neuromodulation bei Tinnitus einen positiven Effekt hat, ist daher nicht belegt.

Die Behandlung eines Tinnitus gestaltet sich grundsätzlich schwierig. Ein Ansatz ist die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei sollen Entspannungstechniken, Stressbewältigung und Ablenkungsstrategien helfen, die Aufmerksamkeit weg vom Tinnitus zu lenken. Zum Einsatz kommen auch kleine Geräte, die ähnlich wie Hörhilfen im Ohr sitzen und ein sogenanntes „weißes Rauschen“ produzieren. Dieses kann die Ohrgeräusche überlagern und so zumindest zeitweise Erleichterung verschaffen. Tritt Tinnitus gemeinsam mit Schwerhörigkeit auf, scheint sich die Verwendung eines Hörgeräts positiv auszuwirken. Auch bestimmte Beruhigungsmittel oder Cortison-Präparate helfen manchen Betroffenen. Als www.medizin-transparent.at wirkungslos haben sich Präparate mit Ginkgo erwiesen.

 

Stimmt das, was die berichten?

Beinahe täglich berichten Medien von Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Können wir glauben, was wir lesen? In unserer Rubrik "Fakten-Check Medizin" finden Sie Informationen, ob es für Medienberichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt. "Faktencheck Medizin" ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Cochrane-Österreich. Cochrane-Österreich ist werbefrei, unabhängig und wird durch die Bundesgesundheitsagentur gefördert.

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