KONSUMENT.AT - Alzheimer: Interview mit Prof. Dal-Bianco - Den Job für die Pflege aufgeben?

Alzheimer: Interview mit Prof. Dal-Bianco

"Was dem Herz gut tut, tut auch dem Hirn gut"

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KONSUMENT 10/2014 veröffentlicht: 25.09.2014

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Die Betreuung eines dementen Angehörigen ist anstrengend, bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebensrhythmus. Kann sie aber auch eine Bereicherung darstellen, im Sinne einer weiteren Persönlichkeitsentwicklung?

Absolut. Am Anfang sind oft Widerstände, aber dann wird die Betreuung und Pflege oft gut und vielleicht auch gerne gemacht. Wenn der demenzkranke Partner verstirbt – nicht an Alzheimer, sondern an einer anderen Erkrankung – dann kann der zurückgelassene Betreuende in eine Lebenskrise geraten. In eine Sinnkrise.

Ein Jungvater, der in Karenz geht, um sich ganz der Erziehung seines Kindes zu widmen, wird heute nicht mehr scheel angeschaut, sondern genießt große Anerkennung. Wer in Pflegekarenz geht, um seine demente Mutter zu pflegen, wird eher bemitleidet. Warum?

Einsatz mit positiver Perspektive, wie bei einem Kind, wird ganz anders empfunden als die Unterstützung eines Demenzpatienten. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist, dass es Betreuende dann oft sehr schwer haben, in ihren angestammten Beruf zurückzufinden. Ich kenne einige Beispiele, wo sehr gute und sehr herausfordernde Jobs in der Privatwirtschaft der Pflege halber aufgegeben wurden – für immer, wie sich später herausstellte.

Seit mehr als 20 Jahren leiten Sie die Gedächtnisambulanz am AKH. Wie hat sich im Laufe dieser Zeit Ihr Bild von Alzheimer verändert? Welche neuen Erkenntnisse sind in der Zwischenzeit dazugekommen?

Wir haben diagnostische Fortschritte gemacht. Besonders in der Bildgebung des Gehirns, sowohl strukturell als auch funktionell. Nicht zuletzt sind wir der Antwort ein Stück näher gekommen, wie das Gedächtnis überhaupt funktioniert, im neurophysiologischen und neuropsychologischen Sinne. Als ich 1987 begonnen habe, mich auf Gedächtnisstörung und Demenz zu spezialisieren, gab es noch überhaupt kein Medikament gegen Alzheimer. Seit über 15 Jahren ist zumindest eine symptomatische Therapie verfügbar. Aufgrund der Ergebnisse einer Alzheimertherapiestudie, die ich im AKH Wien in den Jahren 1987-89 machen und die Ergebnisse im Hauptverband der Sozialversicherung vorstellen durfte, wurde in Österreich weltweit das erste Antidementivum "Galantamin" zugelassen und therapeutisch eingesetzt. Kurz später folgte in den USA "Donepezil" nach.

Die Ursache von Alzheimer ist bisher nicht bekannt. Umso zahlreicher sind die unterschiedlichsten Theorien. Welche Erklärung haben Sie?

Meiner Meinung nach ist Alzheimer zu einem Gutteil eine genetische Geschichte. Wie sehr die Epigenetik, also der Einfluss unserer Lebenswelt auf unser Genom (Bauplan) eine Rolle spielt, weiß man noch zu wenig. Wir haben ja einen dynamischen Bauplan mitbekommen, der je nach Einfluss von außen modifiziert werden kann.

Kann man sich vor Alzheimer schützen?

Nach heutigem Kenntnisstand kann man sagen: Alles, was dem Herz gut tut, tut auch dem Gehirn gut. Die Empfehlung lautet daher: Bluthochdruck und Diabetes mellitus erkennen und behandeln,  Rauchen und Alkohol vermeiden, erhöhte Blutfette normalisieren und Nierenfunktion prüfen. Dazu kommen Lebensstilempfehlungen: soziale Kontakte pflegen, Bewegung machen und mediterrane Kost bevorzugen – also Fisch, Salat und viel Gemüse essen.

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