Wacholderschnaps

Von „mother’s ruin“ zum Trendgetränk

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KONSUMENT 1/2019 veröffentlicht: 20.12.2018

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In der Winterzeit, wenn vermehrt fette und üppige Speisen auf dem Menüplan stehen, ist die lindernde Wirkung des Wacholders bei Sodbrennen willkommen. Zudem ist dieses Gewürz aromagebender Bestandteil im Gin.

Winterzeit ist Wacholderzeit. Jetzt, wo vermehrt fette und üppige Speisen auf den Menüplan stehen, ist die Wacholder; Bild: Valentina Razumova/Shutterstock.com lindernde Wirkung des Wacholders bei Sodbrennen willkommen; seine anregende Wirkung auf die Magensäfte hilft, Gänsebraten & Co. rascher zu verdauen. Kein Wunder, dass sich in typischen Begleitern wie Sauerkraut oder in Wild- und anderen schweren Saucen häufig die tiefdunkelblauen Kügelchen finden. Wacholder gehört auch zur traditionellen Gewürzmischung beim Suren und in deftigen Würsten. Bei Blasenentzündung wird Tee mit Wacholder eine unterstützende Wirkung bei der Heilung nachgesagt.

Wechselhafte Gin-Geschichte

Es gibt freilich noch ein ganz anderes Einsatzgebiet für das Gewürz, nämlich als aromagebender Bestandteil im Gin. Die erste namhafte Verbreitung hatte der Wacholderschnaps in den Niederlanden. Im 16. Jahrhundert, im Spanisch-Niederländischen Krieg um die Unabhängigkeit von den Habsburgern, erhielten die Niederländer Unterstützung von den Briten. Die britischen Soldaten brachten das Getränk dann mit nach Hause. Als im 17. Jahrhundert der Niederländer Wilhelm von Oranien in England das Haus Stuart ablöste, begann er die Landwirtschaft zu forcieren, insbesondere auch den Getreideanbau. Zur Verwertung des Getreides setzte er eine Steuerpolitik in Kraft, die Getreideschnaps extrem vergünstigte. Als Aromastoff – oft genug aber auch, um Fehler bei der Herstellung zu überdecken – wurde Wacholder beigegeben.

Der Siegeszug des Gins in England begann, doch leider mit erheblichen sozialen Folgen. Die prekären Lebensbedingungen wurden mit dem Schnaps erträglicher gemacht. In der Folge griff Alkoholismus um sich, gepanschter und unsachgemäß gebrannter Schnaps förderte Psychosen. Elend, Gewalt und Kriminalität waren die Folgen, sodass letztendlich staatliche Maßnahmen ergriffen wurden, um den Gebrauch des Getränks wieder in „normale“ Bahnen zu lenken. Der Weg von „mother´s ruin“ zum Lieblingsdrink der Queen Mum begann. In Amerika erlebte der Gin zur Zeit der Prohibition aufgrund seines dominanten, Fehler verdeckenden Aromas ein neues Popularitäts- Hoch. Heutzutage ist das Getränk aus hippen Bars und auch aus vielen Haushalten nicht mehr wegzudenken.

Kein Gin gleicht dem anderen

Basis eines jeden Gins ist ein neutraler Alkohol wie etwa Korn oder Wodka. Dieser wird dann mit Wacholder und gegebenenfalls mit weiteren pflanzlichen Würzstoffen, den sogenannten Botanicals, versetzt. Haben die geschmacksgebenden Bestandteile lange genug gezogen, wird dieser Auszug, im Fachsprech Mazerat genannt, noch einmal gebrannt. Der Alkohol wird dabei im Brennkessel erhitzt, bis er verdampft. Der Dampf wird dann über Schläuche geführt, in denen er abkühlt und wieder zur Flüssigkeit wird. Bei einer anderen Methode lässt man die Botanicals nicht in der Flüssigkeit ziehen, sondern hängt sie so in den Brennkessel, dass nur der Alkoholdampf die Aromen mitnimmt. Von den Geschmacksnoten her unterscheidet man grob in

  • wacholderbetonte Gins: Der Wacholder steht im Vordergrund, häufig runden Zitrusnoten und Koriander den Geschmack ab.
  • Gins mit Zitrusnoten: Sie punkten mit dem Aroma von Zitrone, Limette oder Bergamotte.
  • würzige Gins: Sie duften nach Gartenkräutern oder nach mediterranen Kräutern wie Rosmarin und Thymian.
  • florale Gins: Es werden Blüten wie z.B. Holunder und Lavendel eingesetzt.
  • „crisp“ Gins: Hier spielen Pfeffernoten, Kardamom, Koriander und Pimentkörner oft eine besondere Rolle.

Welcher Cocktail darf es sein?

Beim Martini scheiden sich nicht nur an der Frage „geschüttelt oder gerührt“ die Geister. Genauso emotional lässt es sich darüber diskutieren, ob Martini mit Gin oder mit Wodka zubereitet wird. Nun, es ist ganz einfach: In den Martini kommt selbstverständlich Gin, sonst ist es ein Wodka-Martini. Man merkt: Auch James Bond ist nicht perfekt. Tatsache ist, Gin mit seinen vielen eigenen Noten ist eine ausgezeichnete Basis für zahlreiche Cocktails: Der wermutlastige Negroni, der zitronige Gin-Sour oder der Aviaton mit Veilchenlikör gehören zu den klassischen Shortdrinks. Als Longdrink wird Gin wohl am häufigsten von Tonic Water begleitet.

Welches Tonic passt zur Gin-Sorte?

Tipp: Wenn Sie sich einen guten Gin leisten, seien Sie auch wählerisch beim Tonic. Probieren Sie, welches Tonic zu Ihrer Gin-Sorte am besten passt. Ein guter Gin hat sich diese Sorgfalt verdient. Weitere bekannte Longdrinks sind etwa der fruchtige Singapore Sling mit Ananassaft oder der zitronig-frische Tom Collins. Daneben gibt es eine Fülle neuerer Kreationen, oft mit Zitrusnote, häufig mit Gurke, gerne als „Smashes“ mit gestoßenen Früchten und /oder Kräutern. Eine jüngere Kreation ist beispielsweise der frisch aromatische Basil-Gin-Smash mit gestoßenen Basilikumblättern und Zitrone. Sie merken: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Lassen Sie sich von Ihrem Gin inspirieren. Prost!

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