KONSUMENT.AT - Schwarzarbeit: "Pfusch erhöht unseren Wohlstand" - Pfusch ist ein ­junges Phänomen

Schwarzarbeit: "Pfusch erhöht unseren Wohlstand"

Interview mit Prof. Schneider

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KONSUMENT 3/2020 veröffentlicht: 21.02.2020, aktualisiert: 30.03.2020

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Der Pfusch nimmt in Österreich seit einigen Jahren kontinuierlich ab. Sie prognostizieren für heuer einen weiteren Rückgang um rund 5 Prozent auf voraussichtlich 22,9 Milliarden Euro. Was sind die Hintergründe?
Die Entwicklung der Konjunktur ist ein ­wesentlicher Treiber der Schwarzarbeit. Wenn’s den Leuten gut geht, wenn sie ­einen guten Job haben, wenn sie Über­stunden machen können, dann ist der ­Anreiz, schwarz zu arbeiten, gering. Wenn die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosen­zahlen niedrig sind, geht traditionell der Pfusch zurück.

Die 22,9 Milliarden Euro entsprechen rund 6 Prozent des Brutto­inlandprodukts (BIP). Ist das historisch betrachtet viel oder wenig? Wie hat sich die Schwarzarbeit in den vergangenen 100 Jahren entwickelt?
Betrachtet man die Zahlen seit den 1990er-Jahren, dann ist das ein mittlerer Wert. Historisch gesehen ist Pfusch ein ­junges Phänomen. In der k. u. k.-Zeit war es völlig fließend, was Pfusch war und was nicht. Regelungen entstanden erst durch die großen Betriebe in den Wiener Rand­bezirken, wo dann auch Versicherungs­leistungen dazukamen. Und dann Schritt für Schritt die Lohnsteuer eingeführt ­wurde. Eigentlich ging‘s mit dem Pfusch erst nach dem 2. Weltkrieg los – einher­gehend mit zunehmender Steuerlast und Abgaben. Der Hauptanstieg des Pfusches war in den 1970er- und 1980er-Jahren, bis in die 1990er-Jahre, weil da die Ab­gaben kontinuierlich erhöht wurden und auch die Regulierung stetig zugenommen hat. Schattenwirtschaft wird es immer geben, solange es Steuern und Regu­lierung gibt.

Wie viel Prozent des BIP an Schattenwirtschaft ist denn in Österreich noch verträglich, ins­besondere für den Sozialstaat?
Der Ökonom würde sagen: Es braucht eine optimale Größe des Pfusches. So, dass er den Leuten nützt und dem Staat nicht wehtut. Österreich ist in der EU das Land mit der geringsten Schattenwirtschaft. Aber natürlich, Steuereinnahmen und ­Abgaben fehlen, auch bei einem Pfusch­volumen wie dem unsrigen. Doch die ­Republik geht daran nicht zugrunde. Ganz anders sind zum Beispiel die 60 Prozent vom BIP von Peru zu bewerten. Da erodiert die Steuerbasis. Damit der Staat seine Infrastrukturaufgaben erfüllen kann, hat die Bekämpfung von Pfusch dort oberste ­Priorität.

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Kommentare

  • Das Problem ist die Bürokratie
    von kurmy31 am 01.05.2020 um 09:12
    Wir hatten vor einer Weile ein Au Pair (EU-Bürger, geringfügig beschäftigte Hausangestellte), d.h. nur Unfallversicherung und Pensionskasse abzuführen.
    Der administrative Aufwand war unglaublich hoch. Das Abrechnungssystem ELDA ist für Personen ohne Ausbildung zum Lohnverrechner kaum zu verwenden. Selbst in diesem einfachen Fall (und mit viel Recherche) habe ich praktisch jeden Monat Fehler bei der Abrechnung gemacht. Man hat Listen mit 50+ Einträgen vor sich, die Hälfte davon Abkürzungen, die nirgens erklärt werden. Die Mitarbeiter sind am Telefon meist freundlich, können sich aber nur zu ihrem Spezialgebiet äußern. Eine Benachrichtigung über fehlerhafte Eingaben läuft über ein separates System, für das man als Nicht-Unternehmer kaum Zugangsdaten bekommt.

    Insgesamt habe ich für 4 Monate geringfügige Beschäftigung (mit einem mittlere zweistelligen Euro-Betrag an Abgaben) sicher 16 Stunden mit Anträgen, Abrechnungen und Kommunikation mit der GKK verbracht.

    Ich bin gerne bereit, alle vorgeschriebenen Steuern und Abgaben zu zahlen. Aber bitte nicht so.
  • Der Herr
    von Grouper am 29.02.2020 um 16:00
    hat einen sehr situationselastischen Zugang zum Thema Pfusch. Überspitzt formuliert: Alles, was ihm nutzt, ist moralisch einwandfrei.

    Er sollte mal bei der Finanzpolizei und bei der Sozialversicherung nachfragen, was die so über die Hinterziehung von Sozialversicherungsbeitägen denken. Und die Frauen, die später jammern, dass sie so wenig Rente erhalten und dann eine - von anderen finazierte - Ausgleichszulage erhalten.

    Bravo, Herr Professor.
  • Pfusch
    von freundorfer1 am 22.02.2020 um 09:27
    Gute Darstellung dieses Phänomens. Der Titel des Beitrags "Pfusch erhöht unseren Wohlstand" bringt es auf den Punkt.