Von Daten zu Biografien
Von den trockenen Lebensdaten der Ahnen geht es schließlich hinein in die Biografien der Menschen. Umfangreiche, oftmals mühsame Recherchen sind notwendig, um Details zu sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Ahnen zu finden. Die Lebensgeschichten der Menschen erschließen sich nur im historischen und gesellschaftlichen Kontext: Die Stellung der Frau in den vergangenen Jahrhunderten gilt es genauso zu beachten wie die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit, aber auch Konflikte, Kriege, Flucht und Exil haben gravierende Auswirkungen auf die Familienerzählung.
Briefe, Tagebücher, Taschenkalender
Neben Dokumenten, die die grundsätzlichen Lebensdaten (Geburt, Taufe, Heirat, Tod) und eventuelle zusätzliche Informationen (Religionszugehörigkeit, Adresse, Beruf) verraten, sind zahlreiche weitere persönliche Unterlagen von unschätzbarem Wert: Stammbücher, Briefe, (Kriegs-)Tagebücher oder Taschenkalender. Diese privaten Notizen sagen oft mehr aus als jedes andere Dokument und öffnen sozusagen ein Zeitfenster in die Vergangenheit.
Reisen in die Vergangenheit
Für viele Menschen, die sich mit Ahnenforschung beschäftigen, gehören Reisen an Orte, an denen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern geboren wurden oder gelebt haben, ganz selbstverständlich dazu. Es ist ein ganz spezielles Erlebnis, nach langer Recherche tatsächlich im Zug nach Norddeutschland oder im Auto in Richtung Mühlviertel zu sitzen, um den Hof, das Dorf, die Stadt oder zumindest die Gegend zu besuchen, wo die Vorfahren gewirkt haben. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – auch wenn er eine Reise in die Vergangenheit tut.
Österreichische Biografien führen nicht selten in die früheren Kronländer, denn vor allem in tschechischen Archiven finden sich oft verschollen geglaubte Dokumente. Eine Reise dorthin lohnt sich im Zuge einer Familienforschung auf jeden Fall, denn im ehemaligen Böhmen und Mähren finden sich noch heute zahlreiche Hinweise auf die deutschsprachige Vergangenheit. Vielleicht steht das Haus der Urgroßeltern noch, möglicherweise kann es sogar besichtigt werden. Mitunter ist aber auch rein gar nichts übrig, das an frühere Bewohner erinnert, doch dann finden Sie vielleicht auf dem Friedhof Hinweise.
Erinnerungsorte und neue Bande
Das Schöne an diesen Reisen in die Vergangenheit ist, dass man letztlich in der Gegenwart ankommt. Man sieht, wie der Ort, an dem einst Familienleben stattgefunden hat, heute ausschaut. Egal ob noch etwas übrig ist oder nur noch vage Hinweise zu erkennen sind: Die Suchenden erobern diese Erinnerungsorte und fügen ihre eigenen Erfahrungen hinzu. Und manchmal werden neue Bande geknüpft – dann nämlich, wenn weit entfernte Verwandtschaft immer noch an diesem Ort zu finden ist.
Spurensuche in Bibliotheken
Wer tiefer in die Biografien seiner Ahnen eintaucht, wird an einem umfassenden und gründlichen Literaturstudium nicht vorbeikommen. Auch wenn man mittlerweile das Gefühl hat, dass jedes kleinste Detail im Internet zu finden ist, so ist der Besuch einer Bibliothek manchmal der erste Schritt zu eines Rätsels Lösung. Die Hobby-Ahnenforscherin Marion B. erfuhr zum Beispiel im Laufe der Recherche, dass ihr Großvater in elfter Generation, ein katholischer Pfarrer, etliche uneheliche Kinder legitimierte und damit zu seinen Erben machte.
Sie besuchte Museen und blätterte in alten Büchern, beschäftigte sich mit dem Leben von Pfarrern in der Renaissance, fand einen Briefwechsel, der Licht in die Sache brachte: "Der Erzbischof war nicht so sehr begeistert, dass das Vermögen meines Vorfahren an seine Kinder ging und nicht zu einhundert Prozent an die römisch-katholische Kirche. Das ist dann schon sehr spannend, weil man die Zeit, in der diese Menschen gelebt haben, mit anderen Augen sieht."