KONSUMENT.AT - Belebende Ansteckung - Frohsinn-Choreographie gegen Grimm & Groll

Belebende Ansteckung

Eine Kolumne von Michael Hufnagl

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KONSUMENT 7/2020 veröffentlicht: 25.06.2020

Inhalt

Manchmal kann Ansteckung auch belebend sein. Zumindest, wenn es um Frohsinn geht... - "Da schau her", ein satirischer Kommentar von Michael Hufnagl.

KONSUMENT-Kolumnist Michael Hufnagl (Foto: Ela Angerer)

Die verlorene Lesebrille

Eh klar, dass ich meine Lesebrille verliere, wenn zwei Feiertage vor der Tür stehen. Und eh klar, dass ich mich verfluche, weil ich im Angesicht der kaputten Ersatzbrille seit Wochen den typischen Satz murmle: „Darum muss ich mich jetzt auch irgendwann einmal kümmern.“

Zur gleichen Zeit ertönt das Wehklagen meiner Frau, die für ein ganz spezielles Strudel-Rezept un!be!dingt! glattes Mehl benötigt. Das wir allerdings nicht daheim haben, weshalb ich auf Reisen gehen muss, um die Strudel-Welt zu retten.

Die Herren Grimm & Groll

Da sitze ich also im Auto. Es ist wolkig, ungemütlich, und am Rücksitz machen sich die Herren Grimm & Groll breit, die mich wegen Brille und Mehl unaufhörlich bearbeiten. Ich verzichte auf Radiomusik, weil die Tonalität des Selbstmitleids genügt sich selbst.

Die Frohsinn-Choreographie

Plötzlich entdecke ich in der Ferne eine Frau, die sich in einem auffällig sonderbaren Gehmodus befindet. Ich nähere mich und sehe: Sie trägt Kopfhörer und spaziert extrem beschwingt über den Gehsteig. Ich würde sogar sagen, sie tanzt. Ich weiß nicht genau, ob ich amüsiert oder irritiert sein soll, weil dieses Bild so gar nicht der üblichen Wahrnehmung unseres Alltags entspricht … da baut die junge Frau auch noch eine Pirouette in ihre Frohsinn-Choreographie ein.

Ehe sie mich entdeckt. Und auf meinen Ausdruck der Entgeisterung sofort reagiert – mit einem Lachen und einem kurzen Winken. Um dann weiter ihres Weges zu swingen.

Wir sollten alle öfter tanzen

Und was soll ich sagen? Diese besondere Begegnung, diese ausgelassene Leichtigkeit, macht etwas mit mir. Grimm & Groll fordern, aussteigen zu wollen. Ich lächle. Und ertappe mich bei der banalsten aller Assoziationen unserer Zeit - dass Ansteckung auch höchst belebend sein kann.

Die Sonne lässt sich wieder blicken, und mit ihr eine Erkenntnis: Wir sollten auf gewisse Weise alle öfter tanzen.

mail@michael-hufnagl.com

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