Persönlichkeitsanalyse und Meinungsbeeinflussung

Soziale Medien im Wahlkampf

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KONSUMENT 1/2019 veröffentlicht: 20.12.2018

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Der Facebook-Skandal hat gezeigt, mit welch fragwürdigen Methoden politische Parteien Wähler beeinflussen. Die Vorgehensweise ist so ausgeklügelt, dass wir in der Regel nichts davon bemerken.

Am 18. März 2018 wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft des US-Bundesstaats Massachusetts Ermittlungen gegen eine Firma namens Cambridge Analytica ein­geleitet hatte. Was danach folgte, war ein Riesenwirbel. Die an das damals weit­gehend unbekannte Unternehmen gerichteten Anschuldigungen gipfelten in einem der größten Datenskandale in der Geschichte der sozialen Medien.

Was war passiert? Whistleblower Christopher Wylie, ehemaliger Software-Architekt von Cambridge Analytica, berichtete, dass sein Arbeitgeber Daten von Millionen ­Facebook-Usern ausgewertet habe. An die 87 Millionen Nutzer weltweit waren betroffen – wie sich später herausstellte auch ­viele Europäer, darunter ca. 33.500 Österreicher.

Spionage-App mit falschen Vorzeichen

An die Daten kam Cambridge Analy­tica auf nicht ganz saubere Art und Weise. Die Firma installierte eine Dritt-App (also eine nicht von Facebook stammende App) namens "thisisyourdigitallife" auf Facebook. Die rund 270.000 User, die sie nutzten, taten dies im Glauben, einen Test zu machen und dabei der Wissenschaft zu helfen. Doch sie diente einem ganz anderen Zweck.

Digitale Psychometrie ...

Zuerst holte sich die App über die Testteilnehmer auch noch die Daten ihrer Facebook-Freunde. Dann wurden die Nutzer einer Analyse unterzogen. Dabei erstellt das Software-Programm profunde Persönlichkeitsprofile. Laut seinen Machern genügen schon zehn Facebook-Likes, um den Charakter eines Menschen besser einschätzen zu können, als dies ein Arbeitskollege könnte.

100 Likes reichen, um zutreffendere Antworten zu finden als ein Freund. Und 300 Likes benötigt das System, um einen Menschen besser einzuschätzen, als es der Ehepartner könnte. Das Verfahren, digitale Psychometrie genannt, basiert auf dem sogenannten Ocean-Modell. Es gilt nach dem derzeitigen Forschungsstand als universelles Standardmodell in der Persönlichkeitsforschung und basiert auf fünf Hauptmerkmalen einer Persönlichkeit: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit, Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperations­bereitschaft) und emotionale Labilität.

... führt zu maßgeschneiderten Nachrichten

Steht erst einmal fest, wie offen oder verklemmt, neurotisch oder ausgeglichen jemand ist, machen sich neue Algorithmen ans Werk. Sie suchen für die Zielperson maßgeschneiderte Informationen heraus und sorgen dafür, dass sie in der Facebook-Chronik eingeblendet werden. In der Regel sind es Nachrichten, die vom Inhalt her ihrem Weltbild am besten entsprechen und so formuliert sind, dass sie die Person punktgenau ansprechen.

Punktgenaue Entscheidungsbeeinflussung

Im US-Wahlkampf 2016 soll das Trump-Lager an nur einem Tag über 175.000 Mal die gleiche Botschaft über Facebook verteilt haben. Um den Empfängern optimal zu entsprechen, soll sie jedoch in winzigen Details abgeändert worden sein. Von bis zu 60 Versionen ein und derselben Message war die Rede. Die Ziele der Aktionen sollen je nach Empfänger unterschiedlich gewesen sein.

Während die einen grundsätzlich vom Wahlgang abgehalten werden sollten, wurden andere dazu gebracht, Hillary Clinton weniger wählbar zu finden. Menschen, die das Programm als möglicherweise dem ­Kandidaten Trump zugetan kategorisierte, bekamen andere Meldungen – etwa die Fake News, dass der Papst offiziell Trump unterstütze.


Dieser Artikel wurde aus den Mitteln des Verbraucherprogramms der Europäischen Union (2014 – 2020) gefördert.

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