Glimmer in Kosmetika

Kinderarbeit und Todesfälle

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KONSUMENT 6/2018 veröffentlicht: 24.05.2018

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Glimmer ist ein wichtiger Bestandteil von Kosmetikprodukten, Autolacken oder Bremsbelägen. Im Nordosten Indiens schuften über 20.000 Kinder in den Glimmer-Minen, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen.

In den Wäldern des indischen Bundesstaates Jharkhand ist die Erde reich an schimmernden Materialien. Tag für Tag verlassen die Menschen ihre Dörfer, um in den Hügeln danach zu graben. Je tiefer die Gruben, ­desto größer die Glimmer-Brocken. Doch mit jedem Meter steigt die Gefahr, unter der Erde begraben zu werden.

Minenarbeit statt Schule

Mineneinstürze, Schnittwunden, Skorpion­stiche oder Atemwegserkrankungen: All diesen Gefahren sieht sich auch der 12-jährige Salim ausgesetzt, wenn er für 50 Rupien (das sind rund 60 Cent) täglich 10 Kilogramm Glimmer abbaut. Salim arbeitet in einem Tagebau im bitterarmen Jharkhand im Nordosten Indiens. L

aut einer Studie des Kinderhilfswerks Terre des Hommes aus dem Jahr 2016 schuften über 20.000 Kinder in den Glimmer-Minen Indiens. Viele in ­Armut lebende Familien schicken ihre Kinder trotz der großen Risiken in die Minen statt zur Schule. 90 Prozent der Minen in Jharkhand und im benachbarten Bundesstaat Bihar sind illegal.

Lippenstifte, Autolacke, Toaster, ...

Glimmer ist ein wichtiger Bestandteil von schimmernden Kosmetikprodukten wie Lidschatten, Lippenstift oder Nagellack. In den Inhaltsangaben der Kosmetik-Hersteller findet man es unter seinem eng­lischen Namen "Mica" oder unter dem ­Kürzel "CI 77019". Das Mineral steckt ­jedoch auch in Autolacken, Reifen und Bremsbelägen und wird in elektronischen Geräten wie Toastern oder zur Isolation von Kabeln verwendet.

Rund ein Viertel des weltweiten Glimmer-Abbaus findet in den indischen Minen statt, Tendenz steigend. Die meisten Hersteller beziehen ihr Mica aus Indien und China.

Neue Standards, ferne Fluchtorte

Laut Gesetz dürfen in Indien Jugendliche unter 14 Jahren nicht arbeiten, schon gar nicht in gefährlichen Jobs wie im Bergbau. Die Behörden wollen deshalb dem illegalen Glimmer-Geschäft einen Riegel vorschieben. Der Plan: Das Bergbauministerium soll neue Lizenzen an Minenbetreiber vergeben, die Arbeits- und Umweltschutzstandards einhalten und Kinderarbeit ausschließen. Doch das hat zur Folge, dass die Menschen aus Angst vor der Polizei die Löcher für den Glimmer-Abbau nur noch tiefer im Schutz der Wälder graben.

10 bis 20 Todesfälle pro Monat

Die Nichtregierungsorganisation Bachpan Bachao Andolan (BBA), deren Gründer ­Kailash Satyarthi für seinen Kampf gegen Kinderarbeit 2014 den Friedensnobelpreis erhielt, verfolgt die Situation im Glimmer-Bergbau seit Jahren. Jeden Monat werden von BBA zwischen zehn und zwanzig Todesfälle in eingestürzten Glimmer-Stollen dokumentiert. Ein Informant von BBA, der anonym bleiben möchte, sagt, das Glimmer-Geschäft sei von einer "Kultur des Schweigens" umgeben.

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