Kirschen und Wassertrinken

Mythos oder Wahrheit?

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KONSUMENT 5/2016 veröffentlicht: 28.04.2016

Inhalt

Wer Kirschen isst und danach Wasser trinkt, bekommt Bauchschmerzen. Mythos oder Wahrheit?

Wir sagen: Wir fanden weder wissenschaftliche Studien noch dokumentierte Fallberichte, die zeigen, dass Wasser trinken nach dem Verzehr von Kirschen zu Beschwerden führt.

Beweislage

 

Vor allem Kirschen sollen, so die weit verbreitete Ansicht, in Kombination mit Wasser Bauchschmerzen auslösen. In unserer umfangreichen Recherche konnten wir allerdings keine wissenschaftliche Arbeit dazu finden. Auch Berichte von Patienten, die nach dem Verzehr von Früchten und Wasser an Verdauungsbeschwerden litten, wurden offenbar nie publiziert. Woher der "Kirschen-Wasser-Mythos" stammt, ist also unklar.

Gärprozess durch verunreinigtes Wasser

Dem Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann zufolge könnte auch hygienisch nicht einwandfreies Trinkwasser schuld gewesen sein. Demnach könnten Hefen und Bakterien auf den Kirschen zusammen mit Keimen im Wasser bewirken, dass der Zucker der Früchte im Bauch zu gären beginnt. Das wiederum könnte Bauchschmerzen und Durchfall auslösen.

Verdünnung der Magensäure

Eine andere Theorie stützt sich auf den Umstand, dass die Magensäure beim Trinken von Wasser stark verdünnt wird. Normalerweise ist die saure Umgebung im Magen ein Schutz gegen viele Krankheitserreger. Ist die Magensäure verdünnt, könnten Keime das Säurebad überstehen und an der Vergärung des Zuckers arbeiten. Untersuchungen zeigen allerdings, dass der Verdünnungseffekt nicht nur durch Getränke, sondern auch durch Speisen herbeigeführt wird. Das Problem besteht theoretisch als nicht bloß bei Wasser. Zudem nehmen wir Mikroorganismen wie Bakterien oder Hefe nicht nur mit Kirschen auf, sondern auch mit anderen Nahrungsmitteln. Und zu den meisten Mahlzeiten trinken wir etwas, ohne dass sich deswegen Bauchschmerzen einstellen würden.

Fruchtzucker-Unverträglichkeit mögliche Ursache

Dass die Beschwerden auftreten, könnte auch daran liegen, dass Kirschen viel Fruchtzucker enthalten. Manche Menschen können diese Zuckerart nur unvollständig aus dem Dünndarm aufnehmen. Der Fruchtzucker gelangt in den Dickdarm und wird dort von Darm-Mikroorganismen zersetzt. Dabei können bisweilen größere Mengen an Gasen entsteheen, die Bauchschmerzen auslösen.

Eine Frage der Menge

Bei Fruchtzucker-Unverträglichkeit hilft es, auf fruktosehaltige Lebensmittel zu verzichten. Aber auch dieser Erklärungsansatz ist vage, da auch andere Obstsorten Fruchtzucker enthalten. Zudem stecken in Kirschen und anderem Steinobst zuckerähnliche Substanzen. Werden diese im Darm zersetzt, kann das bei Personen ohne Fruktose-Unverträglichkeit genauso Blähungen und Bauchschmerzen auslösen. Kirschen, Marillen & Co können also auch ganz ohne Wasser Beschwerden verursachen, es ist nur eine Frage der Menge.

Stimmt das, was die berichten?

Beinahe täglich berichten Medien von Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Können wir glauben, was wir lesen? In unserer Rubrik "Fakten-Check Medizin" finden Sie Informationen, ob es für Medienberichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt. "Faktencheck Medizin" ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Cochrane-Österreich. Cochrane-Österreich ist werbefrei, unabhängig und wird durch die Bundesgesundheitsagentur gefördert.

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Kommentare

  • Fruchtzuckerunverträglichkeit und Kirschen
    von gibril am 04.07.2016 um 09:43
    Bei mir wurde eine Fructoseintoleranz medizinisch festgestellt. Laut Diätologin sind nur 4 Obstsorten gestattet: Kirschen, geringe Mengen an Bananen, Orangen und Melonen. Anscheinend sind das Obstsorten, die deutlich weniger zur Gärung neigen als die anderen: Äpfel, Birnen, Marillen, Zwetschken, also alle aus denen Schnaps produziert wird. Es stimmt, auch aus Kirschen wird Schnaps produziert, das spricht gegen meine Schlüsse. Aber im Unterschied zu anderen Obstsorten vertrage ich Kirschen besser, wenn auch nicht in größeren Mengen.
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