KONSUMENT.AT - Supermarkt-Akrobatik - Balanceakt gegen die Vernunft

Supermarkt-Akrobatik

Eine Kolumne von Michael Hufnagl

Seite 1 von 1

KONSUMENT 8/2020 veröffentlicht: 30.07.2020

Inhalt

Wozu einen Korb holen, wenn man auch sein Talent als gebückt schleichender Stapelkünstler unter Beweis stellen kann... - "Da schau her", ein satirischer Kommentar von Michael Hufnagl.

KONSUMENT-Kolumnist Michael Hufnagl (Foto: Ela Angerer)

Die Mission ist simpel. Sogar für jeman­den, der einst beim Spiel „Ich packe meinen Koffer …“ verlässlich der Erste war, der als Erinnerungsakrobat ausgeschieden ist. Butter kaufen. Milch kaufen. Und aus. Mit diesem Auftrag betrete ich den Supermarkt. Korb ist nicht notwendig, Wagerl erst recht nicht. Für Butter und Milch reichen zwei Hände.

Steigender Appetit 

Als ich dann jedoch vor den Kühlregalen stehe, überkommt mich der Appetit. Ein Joghurt kann ich auch noch mitnehmen, lautet der Gedanke. Und Pudding. Und Mozzarella. Das leiste ich als Transpor­teur locker. Und erst als mein Blick auf den Schinken fällt, und auf den Käse, und auf die Eier, beginnt der Abwägungs­prozess. Zurück zum Eingang? Korb holen? Es mir einfacher machen?

Balanceakt im Supermarkt

Nein. Lieber errichte ich auf meinem abgewinkelten Unterarm – von Bauch, Brust und Kinn geschickt unterstützt – eine Lebensmittelkonstruktion, die mit ein wenig Talent zum Balancieren robust genug erscheint, um es bis zur Kasse zu schaffen. Leider dürfte sich diese Hingabe zur äußersten Konzentration ener­getisch auf meine Frau übertragen.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Die nämlich schickt mir just während meines Grenzgangs eine SMS. Um den spontanen Einfall „Bitte auch Nudeln, Honig, Schnitten mitnehmen“ überhaupt lesen zu können, muss ich freilich Milch, Butter, Joghurt, Pudding, Mozzarella, Schinken, Käse und Eier zwischenzeit­lich in der Fleischtruhe ablegen. Ein letz­tes Mal überlege ich, einen rettenden Einkaufswagen zu organisieren, aber eine Stimme in mir sagt: „Nix da.“

Akrobatisch oder deppert?

Und so erschaffe ich als gebückt schleichender Stapelkünstler ein Meis­terwerk, das jedem Beobachter entlocken sollte: „Toll macht der Mann das!“ Möglicherweise denken sich die Menschen aber auch nur: Wie deppert muss man sein?

Und als ich alle meine Sachen aufs Kassaband plumpsen lasse, weiß ich: Sie haben verdammt recht.

mail@michael-hufnagl.com

Bewertung

Wertung: 4 von 5 Sternen
4 Stimmen