Wirtschaftsbegriffe: Versicherungen

Maßgeschneidert

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KONSUMENT 12/2016 veröffentlicht: 24.11.2016

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Schluss mit Gegenseitigkeit

Das leuchtet ein. Gleichzeitig muss allen ­Beteiligten, auch den Versicherten, klar sein, dass die stärkere Individualisierung der ­Polizzen auch problematisch ist: Je "maß­geschneideter" Versicherungsprodukte sind und je kleinteiliger die Tarife werden, desto weniger hat das mit dem eingangs erwähnten Versicherungsprinzip zu tun.

Durch die Konzentration auf den einzelnen Kunden wird das Kollektiv technisch verkleinert und somit geschwächt (siehe Kapitel "Wie Versicherungsschutz mathematisch funktioniert"). Außerdem werden die Produkte und Tarife dadurch schwerer durchschaubar, und sie sind vor ­allem kaum noch vergleichbar.

Weniger durchschaubar

Solange sich die Versicherer als Vereine auf Gegenseitigkeit insbesondere auf das Absichern der existenzgefährdenden Risiken konzentrierten, gab es im Wesentlichen in jeder Sparte einen ­einzigen Tarif. Heute, als Aktiengesellschaften, beweisen die Versicherer im Streben nach permanentem Wachstum Kreativität und ­bringen eine immer größere Palette an (teils überflüssigen) Versicherungsmöglichkeiten auf den Markt; und statt des einen Tarifs pro Sparte gibt es nun fünf Prämien­modelle mit unzähligen Unterbausteinen.

Wenn die Parameter nicht mehr passen ...

Nicht zu bestreiten ist, dass die Polizzen durch den individuellen Zuschnitt pass­genauer und deutlich günstiger werden – das stimmt, solange die Parameter passen, die je nach Versicherungssparte meist lauten: jung oder höchstens in mittleren Jahren, ­gesund, unfallfrei, abenteuerscheu, in einer sicheren Gegend lebend und so weiter. Sobald bestimmte Altersgrenzen überschritten sind oder das Schicksal zuschlägt, können sich die unschlagbar günstigen Prämien zu einer saftigen finanziellen Belastung auswachsen; mitunter sind sie überhaupt nicht mehr leistbar. Im schlimmsten Fall fällt man gänzlich aus dem privaten Versicherungsnetz heraus.

"Gute" und "schlechte" Risiken

Schon jetzt führt die Selektion nach "guten" und "schlechten" Risiken zum Beispiel bei der Berufsunfähigkeitsversicherung dazu, dass sie für manche Berufsgruppen kaum zu finanzieren ist: "Bürogummis" – also Menschen in risikoarmen, weniger stressigen Büro­jobs – können sich etwa um bis zu 3.000 Euro Prämie pro Jahr günstiger für den Fall einer Berufsunfähigkeit absichern als im Baugewerbe Tätige. Dabei sind es gerade Letztere, die wegen ihres körperlich fordernden Berufs einen leistbaren Ausfallschutz benötigen würden.

Naturkatastrophen

Ein anderes Beispiel sind die zunehmenden Naturkatastrophen: Wer in einem tendenziell gefährdeten Gebiet lebt, könnte einen leistbaren Schutz brauchen. Als Teil einer größeren Versichertengemeinschaft, wie etwa bei der Haushaltsversicherung, wären zumindest finanzielle Trostpflaster möglich; wenn dort Elementarrisiken aber als Baustein ausschließbar sind, weil sie von den Menschen in ungefährdeten Gebieten nicht mitgetragen werden sollen, sind sie für die weitaus ­kleinere Gruppe der Versicherten mit "schlechten" Risiken kaum erschwinglich.

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Kommentare

  • Scheibchenweise Hausversicherung
    von Dunkelsteinerwald am 20.12.2016 um 00:12
    Eine neue "auszahlungsschonende" Idee ist es, ein Haus nicht mehr als Ganzes zu versichern, sondern jede Etage (von Keller bis Dachboden) einzeln. Während bei Ganzhausversicherungen im Schadensfall immer die ganze Versicherungssumme gilt (auch wenn nur ein Stockwerk betroffen ist), gilt jetzt nur die Etagenversicherungssumme. Zusätzlich entsteht Rechtsunsicherheit : was ist, wenn es nur im Erdgeschoß gebrannt hat und die darüberliegenden Stockwerke unversehrt geblieben sind - wegen der Instabilität des Erdgeschoßes aber das ganze Haus abgerissen werden muss ? Aus meiner Sicht : eine neue Falle, wie im Schadensfall nicht das gesamte Schadensausmaß ausbezahlt werden muss.
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