KONSUMENT.AT - Greenwashing - Beispiel: IKEA

Greenwashing

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KONSUMENT 2/2019 veröffentlicht: 31.01.2019, aktualisiert: 12.03.2020

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Beispiel: IKEA

"Wir setzen voll auf Baumwolle aus nachhaltigeren Quellen", verkündet Ikea auf seiner Website. "Seit dem 1. September 2015 stammt die gesamte Baumwolle für IKEA Produkte aus nachhaltigeren Quellen." 77 Prozent davon werden als "Better Cotton" bezeichnet.

Nunu Kaller (Greenpeace): "Die Better Cotton Initiative ist ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Die Industrie hat sich selbst ein Siegel geschaffen für ,bessere’ Baumwollproduktion. Besser als was? Die Ziele der BCI sind sehr industriefreundlich, das heißt, sie tun nicht weh, sie wirken sich nicht auf die Umsatzzahlen aus. Doch sie gehen nicht weit genug. Besser ist nicht gleich gut."

Stefan Grasgruber-Kerl (Südwind):

"Das von Ikea selbst gewählt Wording "nachhaltigere Baumwolle" zeigt schon, dass es sich klar um Greenwashing handelt und nicht um wirklich nachhaltige Baumwolle.

Zu 77% setzt Ikea dabei auf Baumwolle von der Better Cotton Initiative (BCI). Die restlichen Anteile sind 17% recycelt und 6% sind als „towards BCI“ angegeben.

BCI setzt zwar kleine Verbesserungen im konventionellen Baumwollanbau. Es handelt sich aber nicht um Bio-Landbau und damit bleiben die Probleme des massiven Pestizid- und Wassereinsatzes bestehen. Genmanipuliertes Saatgut ist bei BCI erlaubt. Es gibt keine Preisaufschläge für BCI-Baumwolle für die Bauern. Die Einhaltung der Standards wird durch die Produzenten selbst evaluiert, es gibt nur stichprobenartige externe Kontrollen.

Auch menschenunwürdige Arbeitsbedingungen werden von BCI nicht angegangen oder kontrolliert.
Die Auszeichnung von 6% als "towards BCI" bedeutet Baumwollanbau, der in Umstellung Richtung BCI ist, aber noch nicht einmal die ohnehin geringen BCI-Richtlinien erfüllt.

Außerdem sollte es bei wirklich nachhaltiger Baumwolle natürlich auch um die Weiterverarbeitung gehen – also Spinnen, Weben, Nähen – und hier setzt IKEA leider keine Initiativen für Verbesserungen und mehr Arbeitssicherheit – wie auch die aktuelle Kampagne von Clean Clothes zu Ikea in Bangladesch zeigt: https://cleanclothes.org/news/2018/06/01/work-to-make-bangladeshi-factories-safe-continues-but-ikea-refuses-to-join

Wenn Ikea Nachhaltigkeit in diesem Bereich ernst nehmen würde, würde es Fairtrade oder/und biozertifizierte (z.B. GOTS)-Baumwolle verwenden und einer sozialen Überprüfungsinitiative beitreten wie z.B. Fair Wear Foundation.

Im Unterschied zu BCI ist der Global Organic Textile Standard (GOTS) 1. Bio und 2. gültig für die ganze Kette und nicht nur den Baumwollanbau.

Nähere Informationen zu BCI und den anderen auch glaubwürdigeren Siegeln im Siegel-Check von Clean Clothes: https://www.cleanclothes.at/media/filer_public/ea/09/ea09050f-64ae-4e89-a9cf-8d6028a96818/labelcheck_80x115mm_web-einzel.pdf"

Raphael Fink (Umweltzeichen): 

"Die Möbelbranche ist eine ressourcen- und energieintensive Branche. Auch die als Füllstoff und für Bezüge verwendete Baumwolle ist ein ökologisch und sozial mit großen Herausforderungen verbundener Rohstoff. Der Anbau von Baumwolle erfordert große Mengen Wasser und oftmals einen hohen Chemikalieneinsatz (Pflanzenschutz- und Düngemittel). In Kombination führt das in den Anbaugegenden oft zu Dürre, ausgelaugten Böden und Bodenerosion. Auch sind mit der Produktion oft soziale Probleme (Kinderarbeit, niedrige Löhne, Arbeitszeiten,…) verbunden.

Der Blick auf die Nachhaltigkeitsseiten heimischer Möbelhäuser zeigt allgemein, dass noch viel Luft nach oben besteht. Hier ist IKEA einen Schritt weiter: in seinem Nachhaltigkeitsbericht legt das Unternehmen ausführlich dar, welche Schritte in welchen Bereichen gesetzt werden. Sowohl im Kerngeschäft, der Möbelherstellung und des Möbelvertriebs, als auch im weiteren Umfeld (zum Beispiel im IKEA-Restaurant) und der vorgelagerten Lieferkette (wie z.B. im Bereich der Baumwolle). Das ist klar zu begrüßen.

Im Baumwollbereich hat IKEA einen eigenen Standard, den IWAY-Verhaltenskodex, für seine Baumwollproduzenten und -lieferanten entwickelt. Dieser formuliert Auflagen in Bezug auf Dokumentationspflichten, arbeitsrechtliche Bedingungen und Umweltaspekte. Bei Einhaltung dieser Kriterien kommuniziert IKEA, dass die Baumwolle aus nachhaltigeren Quellen stammt.

Das erscheint angemessen. Faktum ist aber auch, dass es sich bei der Baumwolle nicht um definitiv noch nachhaltigere biologisch erzeugte Fair Trade-Baumwolle handelt. Konkret handelt es sich bei der von IKEA eingeforderten Produktionsweise um sogenannte Integrierte Produktion. Anders ausgedrückt: optimierte konventionelle Landwirtschaft, ergänzt um soziale Anforderungen (die sich oft auf die Einhaltung gesetzlicher Mindeststandards beziehen). Das ist nicht nichts und konventioneller Baumwolle definitiv vorzuziehen.

Im Sinn einer langfristigen Strategie sollte IKEA als wichtiger Abnehmer von Baumwolle aber auch seine langfristige Verantwortung wahrnehmen. Daher sollte es Bestrebungen geben, die Branche noch umweltfreundlicher und sozial verträglicher zu gestalten, in Richtung ökologischer und fairer Landwirtschaft. IKEA hat in diesem Bereich einen wichtigen ersten Schritt gesetzt – weitere müssen aber folgen, damit tatsächlich ein breit angelegter Nachhaltigkeitswandel im Baumwollbereich erfolgen kann."

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Kommentare

  • Bitte mehr Objektivität
    von RiSi am 11.10.2020 um 22:27
    Gleich zu Beginn des Newsletter, der mich mittels Link auf diese Seite gebracht hat, werden unter anderem "Erdöl-Konzerne, die mit Windkraft werben" als Beispiel für Greenwashing genannt. Natürlich kommt es auf den jeweiligen Fall an, aber ich frage mich, was daran generell negativ sein soll. Da wird seit langem (zu Recht) gefordert, dass sich solche Unternehmen verändern und in Richtung erneuerbare Energien wandeln sollen. Wenn sie es dann tun, wirft man es ihnen vor!? Dass eine Firma mit neuen Geschäftsfeldern auch wirbt, kann aus meiner Sicht nicht zum Vorwurf gemacht werden. Was wird denn erwartet? Dass über solche (Fort-)Schritte kein Wort verloren wird? Entscheidend ist, dass es nicht ein "Einzelfall" ist, sondern tatsächlich und konsequent die Weichen in Richtung CO2-freie Zukunft gelegt werden. Und da gibt es erfreulicherweise viele Unternehmen in der Erdöl- und Energiebranche, die diesen Weg eingeschlagen haben.

    Zweites Beispiel im erwähnten Newslettter sind "Fluglinien, die CO2-neutrale Flüge versprechen". Das wird mit sogenanntem "Offsetting" realisiert,also den Ausgleich der entstandenen Emissionen durch Investionen in Projekte, durch die eine entsprechende Kohlendioxideinsparung finanziert wird. Wenn das richtig gemacht wird (und namhafte Fluglinien arbeiten meiner Einschätzung nach mit seriösen Partnern zusammen), ist das allemal besser, als so eine Option nicht zu wählen. Noch besser wäre natürlich gar nicht zu fliegen, aber in vielen Fällen ist das Flugzeug wohl die einzige realistische Option um an ein Ziel zu gelangen (nicht jeder kann mit dem Segelschiff den Antlantik überqueren). Offsetting mit den richtigen (also sorgsam ausgewählten und umgesetzten) Projekten vermeidet übrigens nicht nur zusätzliche Treibhausgase, sondern bringen auch positive Effekte bei der Bekämpfung von Armut und anderen UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (durch Studien belegt).

    Ich würde mir eine differenziertere Betrachtung durch den VKI wünschen (z.B. durch Verweis auf das Thema in Heft 4/2020) und nicht solche Angebote pauschal als Greenwashing zu verurteilen.

    Beste Grüße
    (ein jahrzehntelanger und großteils zufriedener Abonnent)
  • wo ist der Expertentalk auf den ich mich gefreut habe?
    von sylphe9 am 11.10.2020 um 18:09
    Ich frage mich, warum im Newsletter Mail ("Umweltzeichen als Barriere gegen Greenwashing") und auch in der Einleitung hier vollmundig von einem Gespräch mit Experten geschrieben wird und es sich dann letztendlich doch nur um eine Ansammlung von Punkten nach einer nicht näher erklärten Organisation handelt.
    Ebenso fehlt die Heranführung des Laien an das Thema. Woher soll der Konsument nach diesem Artikel nun wissen was kein Greenwashing ist? Das Bsp mit den Plastikflaschen war ja sehr gut, aber es fehlt ein ebensolches für Firmen die ihre ökologischen Auswirkungen ernstnehmen. Z.B. Wenn eine kärtnerische Eistee produzierende österreichische Firma wie Makava auf Glasflaschen setzt und in Österreich produziert spricht man zurecht von ökolgisch (Glasflaschen und regional produziert).
    Ebenso ist die Auflistung der Punkte doch ein wenig zu wenig um jeden Konsumenten in dem Bereich wirklich auf einen guten Wissensstand zu bringen.

    Lieber VKI das könnt ihr Besser und das habt ihr schon so oft bewiesen, denn sonst seids ihr total spitze!
    Ich bitte also auch bei dem Thema Nachhaltigkeit um eure gewohnte Qualität.

    Hochachtungsvoll,
    eine langjährige Abonnentin